Laut dem Typografen Andreas Übele ist die Lesbarkeit von Schrift vor allem von der Gewohnheit des Lesers abhängig. Doch wie lässt sich mit der Gewohnheit bei interaktiven Exponaten bspw. im Messe- oder Museumskontext planen? Neue Medien wie die Augmented und Virtual Reality stellen uns vor immer neue Herausforderungen.

 

„Wir lesen gut, was wir gewohnt sind.“

Andreas Übele

 

Ist der Leser die Serifen-Schriften wie die der Times aus der Wochenzeitung gewohnt, wird er schwerfällig beim Lesen von langen Texten in der Helvetica, Futura oder Thesis – TheSans. Ist der Leser serifenlose Bildschirmschriften wie diese gewohnt, wird er schwerfälliger beim Aufschlagen eines Buches und dem flüssigen Lesen von mehreren Kapiteln. Neue Medien wie die Augmented und Virtual Reality stellen uns vor immer neue Herausforderungen, denn Typografie ist ein Zeitdokument. Die Anforderungen des zeitgeschichtlichen Umfelds bringen auch immer neue typografische Ansätze und Regeln mit.
 

Lesbarkeit als temporäres Empfinden

Lesbarkeit wird schon seit 1896 untersucht und an Probanden getestet und bildet dadurch in vielen Untersuchungen nur einen temporären Zustand ab. Dass Lesbarkeit ein temporäres Empfinden ist, lässt sich einfach an der Fraktur erkennen. Diese war über 400 Jahre die Buch- und Verkehrsschrift in Deutschland und bis 1941 die offizielle Amtsschrift. Aus heutiger Sicht für die Lesbarkeit von Verkehrszeichen und langen Texten undenkbar, ist sie den meisten nur noch aus dem Titelbild vereinzelter Tageszeitungen geläufig. Neue Trägermedien bringen aber vor allem auch neue Herausforderungen für den Gestalter mit sich. Die Gewohnheiten verändern sich, die Anforderungen wachsen und Faktoren, die den Leser betreffen, werden immer vielseitiger. Im Folgenden können die wachsenden Faktoren an zwei verwandten Beispielen erläutert werden. Auch hier sind neue Maßstäbe für Mobilität und Bewegtbild gesetzt worden:

 

Fernsehen und Film | Schriftgestaltung im Bewegtbild

Mit der Verbreitung des Fernsehens hat die Schrift vor allem die Bewegung gelernt. Anders als beim linearen Kinoformat standen die Sender schon früh in Konkurrenz zueinander und hatten damit gesteigertes Interesse, die Zuschauer von ihrem Programm zu überzeugen. Dies gestaltete sich vor allem durch neuzeitliche Animationstechnik und neue Formen der Informationsgestaltung. Ein interessanter Zeitpunkt für Gestalter mit diesem neuen Medium umzugehen. Die Schrift Gill Sans wird bei der BBC als Schriftart für ihr Firmenlogo, Animationen und in den Logos einzelner Sendungen verwendet. Ebenfalls gilt die Eurostile als Bildschirmschrift und ist im Fernsehzeitalter vielseitig im Einsatz. Sie war bspw. auch bei der NASA im Repertoire. 80 Millionen Menschen verfolgen an den Bildschirmen die Apollo-10-Mission. Ihr Wappen trägt daher in großen Lettern die Eurostile.

 

Wearables | Schriftgestaltung am Handgelenk

Ähnlich verhält es sich seit der Einführung von Wearables. Die neuen intelligenten Uhren am Handgelenk bringen plötzlich ganz neue typografische und gestalterische Anforderungen mit sich. Verbarg sich früher noch eine einfache Digitalanzeige oder ein analoges Ziffernblatt hinter dem kleinen Glas am Handgelenk, so müssen heute dort Wetteranzeigen, Kalorienverbrauch und Termine Platz finden. Das Ganze soll in ständiger Bewegung und zu jeder Tageszeit auf einem minimalgroßen Display gut erkennbar bleiben.