Die Lesbarkeit von Text in AR-Anwendungen ist immer stark von der Situation und den Lesegewohnheiten des Benutzers abhängig. Doch neben der Analyse der Rezeptionssituation ist es ebenfalls ratsam sich vorangegangene analoge Medien als Vorlage für die Augmented Reality zu suchen.

 

In der 2004 herausgebrachten Arbeit über Lesbarkeit von Anne Rose König (www.yumpu.com) wird nicht nur das Zusammenwirken von verschiedenen typografischen Faktoren analysiert, sondern es werden auch die äußeren Umstände, die Verfassung des Lesers und der situative Kontext, in dem sich der Leser befindet, berücksichtigt. Diese Form der Analyse lässt sich vom Buchformat auf Anwendungen im Augmented und Virtual Reality Kontext übertragen, denn auch hier ist vor allem die situative Umgebung ausschlaggebend für die Lesbarkeit von Text. Um diese zwei Faktoren getrennt voneinander zu bewerten, teilt König die Bewertung von Lesbarkeit in die Faktoren für das Rezeptionsobjekt und die der Rezeptionssituation auf. Doch wenn wir die Rezeptionssituation bewerten, so wird schnell klar, dass diese sich nicht normen lässt. Die Situation, aus der der Leser kommt oder in der er sich zum Zeitpunkt des Lesens befindet, kann trotz genormter Umgebung sehr unterschiedlich sein. Einen unerfahrenen Virtual Reality Anwender kann eine Anwendung schnell überfordern und die technischen Herausforderungen ihn schnell ermüden.

 

Bevor also Kriterien für eine gelungene Schriftgestaltung im Augmented und Virtual Reality Kontext erfasst werden können, müssen die bestehenden Medien und Formate unter verschiedenen Gesichtspunkten differenziert voneinander betrachtet werden, um die Motivation des Lesers und den gelernten Umgang mit bestehenden Medienformat zu verstehen. Die folgenden Medien können als Vorlage für Gestaltungsregeln verstanden werden:

 

Magazingestaltung

Sich für Gestaltungskriterien der Schriftgestaltung in Augmented und Virtual Reality Anwendungen an der Magazingestaltung zu orientieren, macht besonders im Hinblick auf die Führung des Betrachters Sinn. Anders als bei einem Buch wirbt jeder Artikel für sich um die Aufmerksamkeit des Betrachters. Der Leser kann, anders als bei einem Buch erwartet, das Heft eben auch quer lesen und sich nur partiell einen oder zwei Artikel aus einer ganzen Anzahl von Berichten heraussuchen. Ebenso verhält es sich bei jeder einzelnen Seite. Der Leser wird im Idealfall über die Seite geleitet. Die Abfolge seines Leseverhaltens wird beeinflusst und durch Platzierung der Schrift, Detailtypografie und Einbindung von Bildmaterial gelenkt. Die Gewichtung von Headline, Einlauftext, Fließtext, Bildunterschriften, Zitaten, Rubriktiteln und der Pagina gibt den Leserhythmus vor und setzt die Gewichtung für die Aufmerksamkeit des Lesers. Die Schriftauswahl bei der Magazingestaltung ist allerdings zunehmend kontextabhägig. Durch die Vielzahl von Themenfeldern richtet sich auch die Schriftauswahl an eine bestimmte Zielgruppe. Oft stehen hier nicht die allgemeingültigen Annahmen zur Lesbarkeit von Schrift im Vordergrund, sondern die Vorliebe der Zielgruppe und die Zuordnung zu inhaltlichen Themenfeldern.

 

Websites

Ein zentraler Punkt von Augmented und Virtual Reality Applikationen ist die Interaktivität und die Bewegung im digitalen Raum. Ähnlich wie bei der Umsetzung der ersten Websites stehen dem Benutzer plötzlich ungelernte Interaktionsformen zur Verfügung, bei denen es gilt, eine Norm zu finden und den Anwender nicht mit immer neuen Hierarchien und Weiterleitungen zu überfordern. Lange galten feste Gestaltungsregeln für die Erstellung von Webseiten und deren interaktiven Elementen. Die Platzierung des Menüs befand sich meist oben auf der Seite und war lange Zeit auf der linken oder rechten Seite des Inhalts fest verankert. Erst nach der Verinnerlichung des Benutzers war es möglich, mit neuen Platzierungen zu überraschen und die gelernten Regeln zu brechen. Beispielsweise durch eine Platzierung in der Mitte des Headers oder später durch die Verbreitung von Onepage-Websites gänzlich auf ein Menü zu verzichten und die Informationsarchitektur komplett über das Scrollen vorzugeben.

 

„Die optimale typografische Lesbarkeit ergibt sich
aus dem bestmöglichen Zusammenspiel einzelner
typografischer Faktoren unter Berücksichtigung
der Rezeptionssituation und des individuellen Lesers.“

Anne Rose König

 

Wegeleitsysteme

Lesbarkeit und Orientierung stehen im zentralen Fokus der Gestaltung von Wegeleitsystemen. Hier wird nicht erwartet, viel Information aufzunehmen, sondern schnelle Orientierungshilfe zu geben. Ein wichtiger unbewusster Faktor ist dabei die Distanz für den Betrachter. Ist die Beschilderung groß und deutlich zu sehen, hat die Information aller Wahrscheinlichkeit nach etwas mit der direkten Umgebung zu tun. Ist die Beschilderung klein und trotzdem lesbar, dient sie zur Orientierung, bezieht sich aber nicht auf meinen aktuellen Standort. Sie hat also nicht unbedingt etwas mit meiner direkten Umgebung zu tun. Über die Distanz hinweg wird dem Betrachter also schon unterbewusst eine Information mitgegeben. Unabhängig vom inhaltlichen Kontext kann er durch Größe/Distanz eine Zuordnung und damit eine Gewichtung für sich festlegen.